Gefeierter Kaplan im Zwielicht

Quelle: Margot Röhl, Kaplan Georg Friedrich Dasbach, in: Trier. Die Geschichte des Bistums, Heft 5: Das 19. Jahrhundert, Gresswiller 1999, S. 26f.

In diesen Tagen steht in der Region ein Kleriker im Mittelpunkt des Erinnerns: Georg Friedrich Dasbach. Anlässlich seines 100. Todestages fanden in Trier eine prominente Gedenkveranstaltung und ein Pontifikalamt mit Bischof Marx statt. Das Bistumsblatt Paulinus und der Trierische Volksfreund würdigten Dasbachs Leistungen. In seinem Geburtsort Horhausen wird am Sonntag das neue Dasbach-Haus eingesegnet, feierlich begleitet von einer Publikation über den „Medienzar“, wie Bischof Marx ihn nennt. In einem Beitrag für 16vor setzt sich der Historiker Dr. Olaf Blaschke kritisch mit jenem Mann auseinander, der nicht nur das Sanct-Paulinus-Blatt, sondern auch die in den 1970er Jahren eingestellte Trierische Landeszeitung mitbegründete.

Bislang hat der fromme Erinnerungskult ausschließlich Dasbachs positive Seiten betont. Es wird nicht einmal beschönigt, dass er katholische Ängste, Fremdenhass und Judenfeindschaft schürte; es wird komplett verdrängt und verschwiegen. Noch heute kann man in der Trierer Glockenstraße auf einer Tafel am Dasbachhaus seinen Ehrentitel lesen: „Der große Helfer des Trierer Landvolkes“. Genau diesen Tenor stimmt die gegenwärtige Aufbereitung der Vergangenheit an. Nötig wäre aber eine Aufarbeitung der Vergangenheit, die zu einem balancierten Urteil findet, das beiden Seiten gerecht wird. „Der große Helfer des Trierer Landvolkes – außer Nichtkatholiken, Gottlosen, Sozialdemokraten und Juden“ – so müsste der vervollständigte Text eigentlich lauten.

Wer war Georg Friedrich Dasbach (9. Dez. 1846 – 11. Okt. 1907)? Der Kaplan von St. Gervasius machte während des Kulturkampfes Karriere als Publizist, Verleger, Bauernvereinsführer, Sozialreformer und Politiker. 1875 gründete er das Sanct-Paulinus-Blatt sowie die Trierische Landeszeitung. Allmählich baute er sich ein ansehnliches katholisches Presseimperium auf, das sich von Metz bis nach Berlin erstreckte und Wähler für das Zentrum warb. Diese Partei vertrat Dasbach bis 1898 im Preußischen Landtag, dann als Reichstagsabgeordneter. Mit seinem Trierischen Bauernverein und Darlehenskassen setzte er sich für die Landwirte und Winzer ein. Viele verdankten ihm die Rettung aus der Überschuldungsfalle und Schutz vor überzogenen Kreditzinsen, was damals „Wucher“ hieß. Dieses für die Öffentlichkeit liebevoll gepflegte Bild des „Trierer Preßkaplans“ ist bekannt.

Paulinus-Blatt, 28. Nov. 1880

„Der Hetzkaplan“ ist kaum bekannt. So nannten ihn seine Gegner. Dasbach nahm den Titel gerne an. Unter stürmischem Beifall versammelter Katholiken in Berlin rief er 1896, man nenne ihn einen Hetzkaplan und sage ihm dadurch „eine große Schmeichelei (Bravo)“. Er habe nachweislich gegen den „Judenwucher“ gekämpft und sich als Antisemit bewährt. Man möge nur nach Trier gehen, um dort zu hören, dass sämtliche dortigen Juden ihm mit Vergnügen das Reisegeld nach Palästina stellen würden (minutenlanger Beifall).

Diese „Leistung“ als antisemitischer Agitator – vom heutigen Erinnerungskult unter den Teppich gekehrt, obwohl er selber so stolz auf sie war – lässt sich über mehr als drei Jahrzehnte hinweg lückenlos nachweisen. Dasbachs Paulinusblatt führte seit 1879 eine eigene Rubrik: „Das Wucherunkraut“, wo jahrelang vornehmlich der „Judenwucher“ angeprangert wurde. Diesem Zentralthema widmete Dasbach sogar ein eigenes Buch: 1887 erschien „Der Wucher im trierischen Lande“ im Paulinusverlag. Im Trierischen Bauernverein war Juden die Mitgliedschaft verboten.

Dasbachs Spektrum antisemitischer Stereotype war jedoch viel breiter. Es reichte von traditionellen religiösen Vorurteilen bis hin zur Überzeichnung der Juden als Fremde. Einen Rassenantisemiten kann man den Kaplan jedoch nicht nennen. Gleichwohl war die Kampagne schonungslos.

Im Paulinusblatt konnte man 1880 von der „heutigen Herrschaft des Judentums“ lesen, die „als Vampire das Mark und Blut des Volkes aussaugen und als feiste Herrn in der Geldwelt, in der Presse sich groß tun und über Krieg und Frieden verfügen“. Die Judenbekämpfung sei keine Judenhetze, sondern diene zum Schutze der Christen. 1893 diffamierte Dasbach im Preußischen Abgeordnetenhaus den Talmud und verteidigte den berüchtigten Antisemiten und Priester August Rohling, der die Juden bezichtigte, Ritualmorde an Christen zu begehen. Zu Recht habe die Kirche den „Verkehr mit den Juden in manchen Punkten verboten“. Dasbachs „hetzerische Rede gegen die Juden“ übertreffe noch die führender Antisemiten, warfen liberale Abgeordnete dem Zentrumsmann vor. Selbst manchen Zentrumspolitikern galt Dasbach als Extremist.

Dasbachs dunkle Seite mit ihren gefährlichen Wahnvorstellungen lag schon zu seinem 90. Todestag offen zutage und wurde unlängst in Martin Perschs und Bernhard Schneiders „Geschichte des Bistums Trier“ weiter ausgeleuchtet. Um so merkwürdiger klingt es, wenn „der Paulinus“ sich „auch heute dem Erbe Dasbachs verpflichtet“ fühlt.

Paulinus-Blatt, 14. Nov. 1880, Beilage, S. 546.

Welchen Schaden richtete der Gesinnungsdruck auf katholische Wähler, die Diffamierung von Abweichlern als Ungläubigen und der notorische Judenhass unter Katholiken im Saar-Moselraum an? Manche Dasbachfreunde behaupten ja bis heute, er habe bloß die Verhältnisse des „Wuchers“ beschrieben, ohne sich der darin ausgedrückten Vorurteilstradition bewusst zu sein. Vor allem: Welchen nachhaltigen Schaden erlitten die Juden durch die antisemitischen Mentalitätsmuster? Eindringlich warnte der als „Helfer“ des Landvolks und selbst noch als „Medienzar“ verharmloste Dasbach vor dem Umgang mit Juden. Knapp 30 Jahre nach seiner Beerdigung beschnitten die Nürnberger Gesetze den Kontakt mit Juden, später brannten ihre Synagogen, auch die Synagoge in Trier. Ein breiter Strom der Hilfsbereitschaft blieb aus, konstatiert Martin Persch. Welche Spuren hinterließ die Propaganda Dasbachs, seiner Presse und des Paulinusverlages, um das Wahrnehmen, Wegschauen und Schweigen vieler Katholiken bis hin zur Mittäterschaft vorzuprägen? Auch solchen Fragen muss man sich stellen, will man Dasbachs Charakter, Wirkungsgeschichte und Erbe gerecht werden.

PD Dr. Olaf Blaschke hat Geschichte, Psychologie und Theologie in Bielefeld studiert. Seit 1997 lehrt er Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Trier, wo er 2006 habilitiert wurde. Er hat mehrere Studien zum katholischen Milieu, zur Geschichte der Religion und zum Konfessionalismus publiziert.

Mit Dasbach beschäftigt sich insbesondere Blaschkes im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht erschienenes Buch Katholizismus und Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich, das 1999 bereits in zweiter Auflage erschien.

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