Meyer und Marx: Ein kapitaler Karl

„Ich hab’ ihn gekriegt“, jubelt der Kurt und wedelt seiner Hilde mit dem Schein zu. So selig können Tagesbesucher aussehen, die aus der Trierer Tourist-Information kommen.

Ich hab’ Besuch aus dem Saarland. Et Hilde will gleich zum Shoppen und der Kurt nähme gern einen Schoppen, aber ich bestehe darauf, dass wir anstandshalber zuerst beim neuen Marx-Denkmal vorbeischauen. „Ein kapitaler Kerl … Karl“, meint et Hilde, aber ihr Kurt zeigt sich nur mäßig begeistert: „Ich hätt’ den Marx lieber in gedruckter Form.“ – „Du willst das ,Manifest‘ oder das ,Kapital‘ lesen?“, frage ich ungläubig. „Im Museumsshop gibt’s eine Version in leichter Sprache vom …“ – „Quatsch. Kapital. Ich will diesen Geldschein. Den mit dem Marx drauf. Dat is en Geheimtipp.“

Der Kurt hat also schon vom 0-Euro-Schein gehört. Den hat die Stadt Trier nämlich fürs Marx-Jahr drucken lassen, zunächst in einer Auflage von 5000 Scheinen. Die Lappen gingen schneller weg als alles, was einen realen Gegenwert hat. Für nur drei (echte) Euros kann man den Marx-Geldschein kaufen und ruckzuck waren die ersten 5000 vergriffen. Inzwischen ist die dritte Auflage herausgekommen – in deutlich höherer Stückzahl als die ersten zwei. Der 0-Euro-Marx wurde bisher in 40 Länder in fünf Kontinenten verkauft, und bei Ebay werden die nominell wertlosen Geldscheine für 20 Euro feilgeboten.

Also noch mal in leichter Sprache: Die Stadt Trier verkauft einen Geldschein. Da ist ein Bild vom Karl drauf. Und die Europaflagge. Und ein echtes Wasserzeichen, eine Seriennummer und das ganze andere Gedöns – wie auf einem richtigen Geldschein. Aber es steht die Zahl 0 drauf. Der Schein ist null Euro wert. Aber weil das Bild vom Karl drauf ist, muss man drei Euro für den 0-Euro-Schein bezahlen. Wenn man ihn für drei Euro gekauft hat, kann man ihn bei Ebay für 20 Euro weiterverkaufen.

Vielleicht wäre das die die Lösung für Italien und Griechenland: Einfach den Marx statt imaginärer Brücken auf den 5-Euro-Schein drucken und den dann millionenfach für 50 Euro pro Stück nach China verticken. Angeblich stehen die 0-Euro-Marx-Scheine in Russland schon deutlich überm Rubel. So was nennt man Wertschöpfungskette.

In der Trier-Information scheint es einen Mitarbeiter zu geben, der hauptberuflich 0-Euro-Scheine verkauft und damit Touristen nicht nur aus dem Saarland glücklich macht. Der Kurt freut sich narrisch, einen Marx-Euro ergattert zu haben, weil er glaubt, dass dessen Wert stündlich steigt. Er ahnt noch nicht, dass das – ähnlich wie bei der Blauen Mauritius – nur für die limitierte Erstauflage gilt.

Erste Bedenken, ob er wirklich ein gutes Geschäft gemacht hat, kommen Kurt, als et Hilde unbedingt ins Trierer Souvenirgeschäft in der Simeonstraße reinschauen will. Wir entdecken dort nützliche Dinge wie eine Marx-Fahrradklingel, einen Marx-Bierflaschenöffner, eine Marx-hip-seit-200-Jahren-Kaffeetasse, einen Marx-Turnbeutel und natürlich: einen Marx-Keksausstecher.

Als Hilde dieses Küchenutensil entdeckt, entwickelt sich folgender Dialog, der mich dazu veranlasst, ein Stück von Hilde und Kurt abzurücken, damit die anderen Leute im Laden nicht denken, ich gehörte zu diesen Saarländern: „Guck mol do: en Karl-Keksausstecher. ‚Mit dem Marx-Keksausstecher wird jeder Keks zum Genuss‘, steht hier. Et Meschthild hat im November Geburtstag, dem schenke mir den Marx do, dann hat se gleich wat für Weihnachte, für die Plätzchen auszusteche.“ – „Du willscht dem Meschthild en Keksausstecher schenke, der Weihnachtsplätzchen macht, die wie Marx aussiehn?“ – „Ei, guck mol, im Profil sieht der doch aus wie der Nikkelaus.“ – „Ei, wenn die Kekse aussehe solle wie der Nikkelaus, dann muschte en Nikkelaus-Keksausstecher kaafe.“ – „Ei, se hann awer jo kän Nikkelaus“, wird et Hilde nun lauter, „se hann jo nur de Marx. Un wenn du do ordentlich Zuckerguss drofmachscht, also net nur uff de Bart, dann geht der aach als Weihnachtsmann durch.“

Bevor der Streit eskaliert, kriegt der Kurt einen Bierflaschenöffner, und et Hilde nimmt den Keksausstecher mal mit. Man kann „jo immer noch gucke, ob’s Meschthild den dann kritt“. Kurt beginnt des ganzen Marx-Hypes überdrüssig zu werden und möchte nun Flaschenöffner und Keksausstecher mit dem 0-Euro-Marx-Schein bezahlen. „Der ist theoretisch schon bald ein Vermögen wert“, versucht er die Frau an der Kasse zu überzeugen. Die lacht: „Die Annahme, dass Kapital sich so vermehrt, mag wohl bei Marx funktionieren. Hier in Trier klappt das nicht.“

Kurt ist schockiert. Ausgerechnet im Marx-Devotionalienhandel funktioniert der hochgehandelte 0-Euro-Schein nicht. Das ruft mich wiederum auf den Plan: Ich rücke wieder näher an meine saarländischen Freunde heran und schlage ihnen vor, den 0-Euro-für-nur-3-Euro-Schein schnell wieder loszuwerden.

Wir kaufen in der Confiserie am Dom ein Täfelchen Marx-Nougat für „dem Hilde sein Schwägerin“. Doch als wir der Ladeninhaberin den Marx-Schein hinhalten, lacht sie so herzlich, als hätten wir einen gelungenen Scherz gemacht – und lässt sich harte Euromünzen fürs Nougat in die Hand zählen. Auch beim „Kesselstatt“ gibt’s weder Wein noch trocken Brot für den seltenen Geldschein. Besonders cool reagiert die nette Verkäuferin im Tabakladen Wolsdorff, wo Kurt seine monatliche Zigarre kauft. Die Tabakwarenspezialistin nimmt das Papier prüfend zwischen die Finger, als wolle sie fühlen, ob der Schein sich eignet, um Tabak darin einzurollen. Schließlich gibt sie ihn zurück, schüttelt mit dem Kopf und sagt: „Vier fuffzisch für die Zigarre bitte.“

Einen allerletzten Versuch machen wir im Simeonstift-Museumsladen, wo ich eine Marx-Spieluhr kaufen will. Wenn man an der dreht, ertönt die „Internationale“ auf so anmutige Weise, dass man sich glatt in den Kommunismus verlieben könnte. Hier versucht Kurt es mit einem Deal: „Die Spieluhr kostet 13,50 Euro. Ich gebe Ihnen diesen 0-Euro-Schein mit garantierter Wertsteigerung und lege noch einen richtigen 10-Euro-Schein drauf.“ Auch hier ernten wir ein fröhliches Lachen. Alle scheinen zu denken, wir machten nur Spaß mit dem 0-Euro-Marx. „Den habe ich vorhin bei Ihren Kollegen da drüben für drei Euro gekauft – die müsste der Schein ja wohl mindestens wert sein.“ – „Ja, als Souvenir ist er die auch wert“, erklärt die Frau an der Museumskasse, die das klug erkannt hat. „Aber nicht als Zahlungsmittel, schon gar nicht hier in der Simeonstraße. Wissen Sie was, versteigern sie das Ding doch einfach auf Ebay. Irgendwer auf der Welt zahlt sicher 20 Euro dafür.“

Später, als wir bei „Theo“ einen Marx-Wein trinken, stellt Kurt fest, dass vor der „0“ auf dem Marx-Schein genug Platz ist, um mit dem Kugelschreiber eine „1“ davor zu malen. „So sieht der schon viel besser aus“, strahlt der Kurt. „Den hänge ich mir dahemm über die Werkbank.“ „Do“, rückt et Hilde den Keksausstecher raus. „Ich glaab, den kannschde grad danebehänge.“

Nachtrag: Zumindest der Keksausstecher ist offensichtlich nicht an der Wand zwischen Kurts Schraubenschlüsseln gelandet. Ich habe vom Hilde ein Päckchen mit perfekten Marx-Keksen bekommen.

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