Gassi stehen

Der Backes Herrmann hat ‘ne Neue, und die hat einen Hund, der Wittgenstein heißt. Die Rasse habe ich nicht richtig verstanden, ich glaube, Bertrand-Russel-Terrier oder so ähnlich. Jedenfalls ist Witty, wie der Hund gerufen wird, ein so intelligentes Tier, dass er jetzt zur Uni geht. Zur Hunde-Uni Trier.

Um sich bei seiner Neuen einzuschmeicheln, hat der Herrmann angeboten, tagsüber, wenn sie arbeiten muss, mit ihrem Hund Gassi zu gehen. Das endet dann meistens so, dass er sich mit mir vor der Weinstube trifft, wir Riesling trinkend ein Schwätzchen halten, und er irgendwann mit einem Plastikbeutel das Häufchen aufsammelt, das Witty vors Weinschiff gemacht hat. „Gassi stehen beim Kesselstatt“, nennt der Herrmann dieses Ritual. Aber mit Gassi stehen ist Witty natürlich nicht ausgelastet, deshalb bringt Herrmann ihn jetzt wöchentlich zur Hunde-Uni, wo er am Fun-Agility-Kurs teilnimmt (der Hund, nicht der Herrmann). Und weil Witty ein „Leinenpöbler“ ist, also zickig wird, sobald man ihn anleint, wird er auch noch fürs Mentaltraining, eine Art Autogenes Training für Hunde, angemeldet.

Sie glauben gar nicht, was sich dem modernen Hund für Möglichkeiten bieten! Neben Beschäftigungskursen und Welpenspielstunden gibt es Hund-und-Kind-Kurse, „Gehorsam für Beginner und Profis“ (klingt nach „Fifty Shades of Dogs“) sowie Stadt-Hund-Trainings, wo Witty lernt, die Stadtwerke-Angebote zu nutzen, ohne den Busfahrer zu beißen. Ich frage mich, wo das noch hinführen soll: Gewaltfreies Bellen für Bluthunde? Chinesisch für Welpen? Violine-Unterricht für Junghunde? Anti-Aggressionskurse wie „Entdecke die Katze in Dir“?

Fairerweise muss man sagen, dass Witty gerne zu seinen Kursen geht und dort einiges lernt: Beim Fun-Agility-Kurs z.B. trifft man die unterschiedlichsten Typen. Das gilt auch für die Hunde. Die Rektorin der Hunde-Uni, Hundetrainerin Denise Schumacher, und ihre Mitarbeiterin Silvia Lauterborn bringen den Herrchen und Frauchen bei, wie Mensch und Hund den Spaßparcours gemeinsam bewältigen. Witty weigert sich zunächst lediglich, durch die gekrümmten Röhre zu laufen (weil er durch die Krümmung den Ausgang der Röhre nicht sehen kann), aber nachdem Herrmann es ansatzweise vorgemacht und ihm Leckerlis versprochen hat, meistert Witty auch diesen Parcoursteil bald mit Begeisterung. „Dadurch wird das Vertrauensverhältnis zwischen Hund und Hundehalter gefestigt“, erklären Silvia und Denise. „Der Hund lernt: Wenn Herrchen/Frauchen mich da durchschickt, wird das schon in Ordnung sein.“ Und tatsächlich merkt man den Vierbeinern genau diese Also-ich-vertrau-dir-mal-Haltung an.

Einige der Hunde sind so euphorisch bei der Sache, dass die nebenher mitlaufenden Herrchen kaum hinterherkommen. Der Bearded Bobtail „Sally“ zum Beispiel oder auch „Paulchen“ fliegen geradezu über Hindernisse und durch aufgestellte Reifen und wollen am liebsten gleich nochmal eine Runde drehen (aber Herrchen ist schon zu sehr außer Puste). Andere wiederum, wie der tschechische Wolfshund „Kolja“, drücken durch ihre Körpersprache aus: „Also ich bräuchte das hier jetzt nicht unbedingt, mach aber mal mit, weil ich kein Spaßverderber sein will, und die Bewegung tut Frauchen ja gut.“ Offensichtlich sehen die meisten Hunde ihren Fun-Agility-Kurs nicht so verbissen.

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Schon schwieriger, auch für die ausgebildete Hundetrainerin, ist da ausgerechnet der anschließende Auslauf für alle Hunde. Auf dem weitläufig eingezäunten Hundetrainingsplatz in Sirzenich sind außer Witty 17 weitere Kläffer da, um beim Auslauf mitzumachen. Die Vierbeiner versammeln sich, zunächst noch mit ihren dazugehörigen Zweibeinern an der Leine, im Kreis, um abzuklären, ob es Probleme geben könnte. Es gibt keine. Oder doch: „unser“ Witty.

Witty ist zum ersten Mal dabei und außerdem ein „intakter“ Rüde. Das sind die Schlimmsten, auch bei den Vierbeinern. Witty schaltet prompt auf Imponiergehabe um, als er die netten Hundedamen sieht, vor allem aber plustert er die schmächtige Terrierbrust tüchtig auf, um den anderen Rüden zu zeigen: Euch werde ich gleich mal den Parcours markieren! Der Trend geht ja zur Mehrhundehaltung, aber unser Witty ist Einzelhund und in seinem Sozialverhalten noch nicht an Gruppenauslauf gewöhnt. Dabei drückt „Auslauf“ nicht annähernd die tobende Lebensfreude aus, mit der die Hunde die gesamte ihnen zur Verfügung stehende Fläche des Sirzenicher Hochplateaus nutzen. Falls Sie mal schlecht drauf sein sollten, gehen Sie einfach zum Auslauf-Kurs, auch ohne Hund, einfach nur zum Zugucken! Das heitert Sie garantiert wieder auf.

Es ist wundervoll, wie ausgelassen Hunde toben, raufen, spielen können. Wobei Hunde, so erklärt uns Denise, mit Ausnahme der Welpen nie zweckfrei spielen. Schon Junghunde tollen herum, um die Rangfolge im Rudel zu klären. Unser Witty, obwohl einer der Kleinsten, scheint dabei gute Fortschritte zu machen. Immerhin hat er sich gerade in das Halsband eines Boxermischlings verbissen, was die Hundetrainerin jedoch mit Gleichmut beobachtet. Selbst Wittys beharrliches Knurren klassifiziert Denise erfahren als „harmloses Wohlfühlknurren“. Sie erkenne das an der Stimmlage. Bei Hunden macht das Knurren die Musik! Und tatsächlich: Nachdem Witty an der Boxerkehle hängend einige Meter mitgeschleift wurde, stehen beide sich schwanzwedelnd gegenüber und haben offensichtlich Freundschaft geschlossen.

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Dann beginnt ein kurzer Schnupperkurs, der wörtlich zu verstehen ist. Witty riecht ausgiebig an sämtlichen anwesenden Hundehintern und wird gleichermaßen selbst beschnuppert. Nur wenige Male muss Denise eingreifen, wenn zwei Kläffer drohen, sich ernsthaft ins Fell zu geraten. Meist reicht dann ein klares, scharfes Wort von ihr, um die Hunde zur Raison zu bringen. „Diese Kommunikation färbt auch auf mein menschliches Sozialverhalten ab“, gibt die Hundetrainerin verschmitzt lächelnd zu. „Ich schätze inzwischen klare Ansagen und äußere eindeutige Neins und Jas.“ Wenn bei Streithunden auch ein klares „Nein!“ oder „Aus!“ nicht hilft, sprüht sie aus einer Plastikflasche einen kleinen Wasserstrahl auf die Hunde. Wirklich dazwischen gehen muss sie nur selten. Dabei ist sie gelegentlich schon gebissen worden, einmal sogar so schwer, dass man heute, ein Jahr später, noch die Bissspuren sieht. „Das ist Berufsrisiko. Nicht den Letzten, sondern die Trainerin beißen die Hunde“, sagt sie lachend. Ich stelle mir vor, dass sich Hundetrainer beim Jahreskongress gegenseitig ihre Bisswunden zeigen wie Kriegsveteranen ihre Schussnarben.

Obwohl unser Witty nicht nur optisch ein Dickkopf ist, hat er sich am Ende der Auslaufstunde mit Paulchen, Balou, Mischa, Leo, Helios und Anton angefreundet, und sein Blick scheint Herrmann sagen zu wollen: „Bring mich nächste Woche unbedingt wieder hierher!“ Der Herrmann tut Witty nicht nur diesen Gefallen, sondern investiert sogar die überschaubare Summe, die der professionelle Gassi-Service der Hunde-Uni kostet. So wird er Witty dreimal pro Woche los und weiß ihn gleichzeitig in guten Händen. Mit Denise darf Witty dann richtig Gassi gehen, in einer netten Fünf-Hunde-Gruppe.

Und der Herrmann und ich können uns jetzt zum Weintrinken wieder gemütlich reinsetzen und müssen nicht mehr vorm Neumagener Weinschiff „Gassi stehen“.

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