Meyer und Marx: Wie Marx die Digitalisierung vorhersah

„Und was genau hatte das jetzt mit Marx zu tun?“, fragt einer aus der Besuchergruppe, als wir die Ausstellung verlassen. „Nix“, meint ein anderer, „aber wat willste maachen, et is Marx-Jahr.“ „Und ob das, was wir gerade gesehen haben, einen Bezug zu Marx hat“, widerspricht der Backes Herrmann. „Alles hat immer mit Marx zu tun.“

Wussten Sie, dass es unter der Uni-Mensa ein Museum gibt? Der Backes Herrmann wusste das bis vor kurzem nicht: „Was ist das denn: ,Generator Marx: kapital/digital’? Und vor allem: Wo ist das?“
„Wie, du kennst nicht den ,Generator’ im Keller des ehemaligen französischen Militärhospitals?“, genieße ich es, ausnahmsweise einmal besser über etwas in Trier Bescheid zu wissen als der Herrmann.

Wir also auf den Petrisberg, wo wir zur Führung durch den „Generator“ zum ehemaligen Kohlekeller und Heizkraftwerk hinabsteigen. Das kleine, neugierige Grüppchen, das die Führung mitmacht, begeistert sich zunächst für das Ausstellungsobjekt „Manifesto“. Hier fertigt eine hölzerne Hand, die von einem Kohlestift durchbohrt ist und sich deutlich sichtbar an der Wand entlang bewegt, eine Zeichnung an. Nachgezeichnet werden Bewegungen von Börsenmärkten, indem aktuelle Handelsdaten direkt an die Geisterhand gesendet werden. Die Hand überträgt diese Daten in die Zeichnung an der Wand. Normalerweise werden Börsenwerte vertikal als Auf und Ab dargestellt. Hier aber werden sie auf der Fläche abgebildet, was das Chaos der Aktienbewegungen verdeutlicht.

„Wie das Eiskalte Händchen bei der Adams Family“, kommentiert eine Frau aus der Gruppe (verdammt, dasselbe habe ich auch gedacht). „Aus welchem Material ist denn die Hand? Welches Holz genau? Und was passiert, wenn Sie einfach mal den Magnet auf der anderen Seite der Hand abmachen, denn so funktioniert das doch wohl?“

So liebe ich die Trierer: Immer praktisch, immer emotional und assoziativ, auch wenn es sich um Kunst handelt.

Als nächstes bewundern wir das Ausstellungsobjekt „Der Spiegel der Distribution“. Hier visualisieren ein echter und drei digitale Spiegel den Wandel von der Waren- zur Datenökonomie. Wir werden digital 3D-vermessen und ein unsichtbarer Computer sagt uns innerhalb von Sekunden unser Geschlecht, unsere Körpergröße und unser Alter und verrät weitere biometrische Daten. Beim Alter lässt sich der Computer übrigens um ein oder zwei Jahre herunterhandeln, wenn man statt allzu grimmig dreinzuschauen freundlich lächelt.

„Wie konnte denn Marx die Digitalisierung voraussehen?“, fragt einer aus der Gruppe. „Gar nicht“, antwortet unser Führer weise. „Aber recht hatte er trotzdem.“ Der Kunststudent, der die Führung macht, erklärt, dass das Kunstwerk zeigt, dass so wie früher in der Realwirtschaft Arbeiter für niedrigsten Lohn ihre Arbeitskraft bereitstellten, wir jetzt unsere Daten hergeben. Und das sogar kostenlos, damit große Datenkonzerne mit der Auswertung und dem Verkauf der Daten Milliarden verdienen.

Uns bleibt nichts anderes übrig, als anerkennend zu nicken: Unser Karl hat das alles schon kommen sehen. Das Prinzip der Ausbeutung, egal ob bei der Produktherstellung oder was danach noch kommt, hat er genau erfasst.

Auch die Ausstellungsbereiche „Digitale Ökonomie“ und „bibliotheca digitalis“ bringen Überraschungs- und Erkenntniseffekte. Und schweißen unsere Gruppe enger zusammen: „Eh, dau lo“, fordert einer der Besucher den Herrmann auf. „Hall dau dein Hand mol zwischen die Scheib lo unn die Leinwand.“

Einer von uns sitzt als Freiwilliger an einem Lesepult mit einer Glasscheibe und einer Leinwand davor und schlägt eines der dort liegenden fünf Exemplare (in fünf verschiedenen Sprachen) des „Kommunistischen Manifests“ auf. Da nur einer am Lesepult sitzen kann, schart sich die restliche Gruppe so nah um ihn, dass es zum kollektiven Kuscheln kommt. Das aufgeschlagene Manifest hat lauter leere Seiten („Da hat jemand die inhaltliche Aussage des Manifests aufs Wesentliche reduziert“, witzelt jemand), aber auf der Leinwand, die sich gegenüber des Lesepults befindet, kann man den Text lesen. Deshalb wird der Herrmann zwischen Pult und Leinwand geschickt, um festzustellen, ob er selbst dort noch zu sehen ist, und ob kommunistische Theorien auf seinen Körper projiziert werden. Ergebnis: Der Herrmann ist nicht virtuell, wohl aber der Text des Manifests.

„Der gleiche visuelle Effekt“, meint der Freiwillige am Lesepult, „wäre auch mit dem Trierer Telefonbuch erzielt worden.“

„Stimmt“, sagt der Kunststudent, der uns immer sympathischer wird. „Aber es ist Marx-Jahr, und da kommen deutlich mehr Leute, wenn man mit einer Spezial-Software und dieser elektronischen Zauberscheibe das Manifest nimmt, um die Digitalisierung von Texten zu demonstrieren.“ Dem stimmen wir zu und sehen abschließend den Höhepunkt der Ausstellung, die „Kathedrale des Kommunismus“: ein Klang-Dom im großen Heizungskeller. 16 Chorstimmen dringen aus Lautsprechern und singen in Stockhausenscher Manier Zitate aus Marx’ Schriften. Wir dürfen frei im riesigen Heizungskeller herumlaufen, und nach zehn Minuten fühlt man sich tatsächlich, als ob man eine gotische Kathedrale besichtigt (in der nur die Notbeleuchtung angeschaltet ist). Unsichtbar probt irgendwo der Chor. „Wirklich schön“, zeigt sich eine Ausstellungsbesucherin beeindruckt, nachdem der sphärische Gesang verklungen ist. „Ja“, meint eine anderer. „Ist aber auch schön, wenn es dann vorbei ist.“

„Leute!“, fasst der Herrmann zusammen. „Ist es nicht faszinierend, dass das Manifest, wie hier inszeniert, genau so wirkt, wie … eine Predigt, wie …“ – „ … Opium fürs Volk?“ beendet jemand aus unserer Gruppe Herrmanns Satz.

Immerhin das hat „generator-marx“ erreicht: Als wir die Ausstellung verlassen, können wir nicht anders, als aufgeregt zu diskutieren, dass Marx’ Theorien zum Kapitalismus sich auch auf die Digitalisierung anwenden lassen. „Siehste“, meint der Herrmann zu mir. „Unser Karl hat schon immer gewusst, wie alles kommen wird.“

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