Meyer und Marx: Junge, komm bald wieder

„Woran erkennt man, dass jemand gerade in der Marx-Ausstellung im Landesmuseum war?“ Schon an der Art, wie der Backes Herrmann das fragt, wird klar, dass er sticheln will: „Am gebeugten Oberkörper und den zusammengekniffenen Augen.“

Dem Herrmann war aufgefallen, dass die Marx-Ausstellung in gut sechs Wochen vorbei ist und wir einiges davon noch nicht gesehen haben. Wir also ab ins Landesmuseum, wo Marx’ Schriften und Ideen im Mittelpunkt stehen. Das „Manifest“ und das „Kapital“ gehören immerhin zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Einige der Ausstellungsräume überraschen uns äußerst positiv. Zum Beispiel der „Vermehrungssaal“ – ein vollverspiegelter Raum, in dem auf den Spiegelflächen lediglich das Wort „KAPITAL“ (in verschiedenen Schreibweisen) steht. Ansonsten sieht man nur: sich selbst, aber das gleich vielfach und aus verschiedenen Perspektiven. Hier werden wir vermehrt wie der Zaster eines Großindustriellen. Statt es bei dieser optischen Metapher bewenden zu lassen, begehen etliche Museumsbesucher den Fehler, sich vielfach und von allen Seiten gleichzeitig fotografieren zu wollen. Nun besteht der durchschnittliche Museumsgänger in der Regel nicht aus einer 360-Grad-Rundum-Schokoladenseite. Also werden Jacken über Hinterteile gezubbelt, Bäuche in Profilansichten eingezogen, und man hört Kommentare wie: „Ich wusste gar nicht, wie bescheuert ich von schräg hinten links in dieser Hose aussehe …“.

„Tja“, meint der Herrmann. „Mit dem vielfach vermehrten Körper ist es wie mit dem Kapital: Wenn man von allen Seiten genau draufschaut, findet sich immer etwas, das nicht astrein ist.“

Ein Museumsangestellter erzählt uns, dass einige Tage zuvor eine Gruppe junger Männer im „Vermehrungssaal“ spontan eine Aktion zum Besten gab, bei der sie ihre Geldbörsen in der Raummitte ablegte, einen wilden Reigen drum herum tanzte und dabei „Geld und Kapital, vermehre dich!“ rief. Danach schauten die Mitwirkenden in ihre Geldbeutel und meinten mit gespielter Enttäuschung: „Schade, hat nicht funktioniert“. Mal abgesehen davon, dass die Jungs in der Marxschen Terminologie offensichtlich nicht ganz sattelfest waren, und dass sie das Zeug – was immer es gewesen sein mochte –, besser erst nach dem Museumsbesuch geraucht hätten, spiegelte diese ausstellungsinteraktive Vorstellung genau den Geist wider, den man ins Landesmuseum mitbringen sollte.

Apropos Geist: Ein Gespenst geht um im Landesmuseum. Ich war mal in einer englischen Dorfkneipe, durch die ab Mitternacht angeblich ein Kopf schweben soll (ich habe vergessen, wem dieser Kopf bei welcher Gelegenheit verlorenging). Ein Kopf schwebt auch im Landesmuseum, nämlich der von Marx. Wenn auch nur eine Handbreit über einem Podest, an das man als Museumsbesucher nicht nah genug herankommt, um mal dazwischenzufassen. Man will ja vielleicht überprüfen, ob der Marx-Kopf tatsächlich schwebt, oder ob man lediglich einer optischen Täuschung aufsitzt (es ist ja grundsätzlich an allem zu zweifeln). Aber nein: Keine Täuschung, der Kopf schwebt. Und nicht nur das, er dreht sich dabei auch noch drohend hin und her, was das Spukhafte wunderbar unterstreicht. Leider erklärt mir ein freundlicher Museumsangestellter, wie das mit den verschiedenen Magneten im Marx-Kopf technisch funktioniert, und schon ist das Gespenst entzaubert.

Am längsten halten der Herrmann und ich uns bei der Marx-Maschine auf. Hier bilde ich mir ein, dass es nach Maschinenöl riecht, und ich höre (was keine Einbildung ist) die von Hannes Wader gesungene „Internationale“. Keine Bange: Hannes sitzt nicht irgendwo singend in der Raumecke. Die Live-Aufnahme des Arbeiterlieder-Konzertes von 1977, als die Aufteilung der Welt in Kommunisten und Kapitalisten noch in Ordnung war, dringt aus Lautsprecherboxen.

Im Marx-Maschinenraum läuft ein Fließband-Ensemble, das nicht Rohstoffe oder Waren transportiert, sondern Begriffe: „Arbeitskraft“, „Ware“, „Geld“, „Lohn“, „Kapital“. Was diese Maschine befördert, ist ein besseres Verständnis von kapitalistischen Produktionsprozessen. Schon allein deswegen sollte man diese Ausstellung gesehen haben.

Apropos sehen: Wenn man die Erklärungen zu den Exponaten sehen und lesen will, und das wollen wir, muss man entweder in die Knie gehen oder sich weit nach vorne beugen. Denn die meisten Erläuterungsschildchen sind, wenn man den Herrmann als Maßstab nimmt, auf Bauchnabelhöhe angebracht (gefühlt auf Kniescheibenhöhe). Und die Schriftgröße, meint der Herrmann, sei dieselbe wie die Zusatzklauseln Seite 9 unten bei seiner Lebensversicherungspolice.

Ja, schon klar: Die Anbringung der Erläuterungstexte ist absolut rollstuhlfahrergerecht. Aber was ist mit dem leicht übergewichtigen, 1,85 Meter großen, Gleitsichtbrille tragenden Mittfünfziger? Nun, der muss sich eben tief nach unten beugen und die Augen zusammenkneifen oder die Brille auf der Nase in den richtigen Gleitsichtbereich schieben. Vielleicht ist dieser Effekt ja gewollt, denn so zwingt uns das Landesmuseum auf dem Rundgang durch die Ausstellung immer wieder zur Verbeugung vor Marx oder zumindest vor dessen Werk.

Zum Glück vergisst der Herrmann dieses eher nebensächliche Ärgernis rasch, als er sich die eindrucksvollen Modelle von Deformationen und Erkrankungen ansieht, die Gifte auslösen, denen Arbeiter im Produktionsprozess ausgesetzt sind. Seine persönlichen Favoriten sind die Kohlenstaublunge sowie das Bleisaum-Zahnfleisch, das den Herrmann angeblich an das Lächeln seiner Tante Hertha aus Püttlingen erinnert.

Zum Abschluss halten wir uns noch mit viel Entdeckerlust bei den roten Kommentarzetteln auf, die die Besucher an Wandhäkchen hinterlassen können. Wir küren unsere persönlichen Lieblingssprüche dieser Kommentarwand. Ich versuche, philosophisch rüberzukommen, indem ich mich für „Es gibt keinen Kapitalismus mit menschlichen Antlitz“ entscheide. Der Herrmann aber findet am besten: „Junge, komm bald wieder.“

Wir jedenfalls kommen wieder – die Ausstellung ist so vielseitig, dass wir sie glatt nochmal sehen wollen. Nur besorgen wir uns vorher einen Klappstuhl und eine Leselupe.

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