Meyer und Marx: The Backes Herrmann STRIKES back

„Los, komm mit, wir gehen streiken“, meint der Backes Herrmann aufgeregt. Eigentlich würde ich lieber irgendwo gemütlich einen Wein trinken, frage aber pflichtschuldig: „Streiken? Wo?“ – „Im Simeonstift natürlich!“

Der Backes Herrmann will unbedingt ausprobieren, wie so ein Abend bei Marxens zu Hause ablief. Er stellt sich das so vor: Karl hat den ganzen Tag im Kapital herumgestrichen oder Sätze, gehaltvoll und ballaststoffreich wie das Marx-Brot der Bäckerei Fricke, neu dazugeschrieben. Nach dem Abendbrot hätte er eigentlich Lust, mit Engels Fritze um die Häuser zu ziehen und – falls der Abend sich produktiv entwickelte – die Inneneinrichtung einer Londoner Kneipe zu zerschlagen. Aber Jenny bemerkt diesen gefährlich-aufrührerischen Glanz in Karls Augen und schlägt vor: „Mein ‚Schwarzwildchen’, sollen wir uns heute Abend nicht mal wieder …“ – Marx hält in Erwartung verschiedener Optionen häuslicher Abendgestaltung den Atem an – „ … einen netten Brettspielabend mit den Kindern gönnen?“

Wer nun glaubt, Karl sackte bei der Aussicht auf einen Spieleabend mit der Familie enttäuscht zusammen, irrt. Denn gleich nach Kneipen aufmischen oder saarländischen Dienstmädchen nachsteigen gehörte das Brettspiel „STRIKES“ zu Karls Lieblingsbeschäftigungen, bei der er Jenny und seine drei Töchter gerne abzockte. Das Kommunisten-Monopoly „STRIKES“ sei wirklich etwas für die ganze Familie, versichert mir der Herrmann. Und da seine neue Flamme sich kein bisschen für die Marx-Ausstellung erwärmen kann, hat er mich dazu auserkoren, Marx’ Lieblingsspiel einmal zu testen.

Genau das kann man nämlich im Stadtmuseum, wo neben dem aus Marx’ Londoner Wohnung stammende Originalbrettspiel (mit Originalverpackung) auch eine besucherkompatible „STRIKES“-Nachbildung bereitsteht. „Streik“ ist eine Variante des im 19. Jahrhunderts weit verbreiteten „Gänsespiels“, nur mit Proletariern statt Federvieh. Laut Marxscher Theorie stärkt der Streik ja den Zusammenhalt zwischen den Proletariern. Das gilt aber nicht für Streik als Spiel: Marx konnte fuchsteufelswild werden, wenn sein Spielstein nur ein Feld vom Ziel entfernt stand und er keine eins würfelte, während Jenny, Laura und Tussy ihm unaufhaltsam näherrückten.

Auch wir geraten uns rasch tüchtig in die Haare, als Herrmann vom Start weg gleich auf Feld 3, „Jack Straw’s Lokal“, kommt. Die Regel dazu besagt: „In dieser Kneipe im Londoner Stadtteil Hampstead haben die Emigranten gerne gezecht – 1 Runde aussetzen“. Ich erreiche mit einer 5 das Feld „Versammlung der Chartisten“ und mit der Begründung „Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur sozialistischen Gesellschaft“ darf ich drei Felder vorrücken. Die genauen Regeln des Spiels sind nicht überliefert, aber zum Glück verfügt das Museum über einen Kurator namens Dieter Marcos (klingt wie eine exotischere Variante von Marx), der für die 60 Felder und deren 21 zugeordneten Bildmotive, die die Arbeiterklasse und Bourgeoisie in unterschiedlichsten Situationen zeigen, neue Regeln erfunden hat. Regeln, die einen historischen Bezug zu den Bildern herstellen – und nach denen ich den Herrmann gleich in der ersten Runde tüchtig ausbeute. Wir spielen nämlich um ein Glas Wein.

Auch in der zweiten Partie eile ich dem Herrmann auf dem langen Weg zum Sozialismus gleich davon (Feld 11: „Bund der Gerechten“. Diese Schreiner-Vereinigung ist für Marx, so die Erklärung, nur ein Haufen von „Löffelkommunisten“ – also schnell weg hier und drei Felder vorrücken). Als ich vor ihm das Zielfeld erreiche („Der Proletarier und der Unternehmer einigen sich.“) und mit geballter Faust „Strrrrrike!“ rufe, feuert der Herrmann den Würfel frustriert über den Spieltisch, was die Aufmerksamkeit der anderen Ausstellungsbesucher auf uns lenkt.

Und das ist gut so, denn ein freundlicher Herr, der uns fragt, was wir denn da mit den Exponaten treiben, lässt sich von uns zu einer Partie „STRIKES“ überreden. Der Eindruck, dass diesem Besucher das „STRIKES“-Spiel im Blut liegt, entpuppt sich als im wahrsten Sinne des Wortes zutreffend. Er stellt sich nämlich als „Herr Engels“ vor und gesteht nach kurzem Zögern, ein Urgroßneffe von Friedrich Engels zu sein. Außerdem sei er sogar in Engelskirchen aufgewachsen. Ich denke zuerst: „Wow, da hat Museumsdirektorin Dr. Dühr aber mal ein spannendes Lebend-Exponat aufgetrieben“. Aber Herr Engels aus Engelskirchen ist mit Frau und Tochter aus seinem jetzigen Wohnsitz Bonn als Tourist angereist und in der Marx-Ausstellung unterwegs, um sich einen Eindruck vom Trierer Kumpel seines Verwandten zu verschaffen. So etwas passiert einem nur im Simeonstift, und ich bin froh, dass ich das nicht erfinden muss.

Als wir das Museum zum Einlösen von Herrmanns Spielschulden in Richtung Weinstand verlassen, ist der wieder bester Laune: „Wahrscheinlich hat der Urgroßonkel dieses netten Herrn damals im Hause Marx auch irgendwann „STRIKES“ gegen Karl, Jenny und die Marx-Mädchen gespielt.“ – „Ja, und ist dabei genau so abgezockt worden wie du eben.“

Also, liebe Trierer, wenn ihr nächstes Mal im Simeonstift seid, nehmt euch eine Viertelstunde zum STREIKEN Zeit. Wer weiß, welchen historischen Nachfahren ihr dabei trefft.

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